AQUARIUS – oder Charlys Tanten

Es ist leicht, von der US-TV-Serie AQUARIUS enttäuscht zu sein, denn ihre Promissen erfüllt sie nur unzureichend.

Das period piece in zwei Staffeln will die Geschichte der Manson-Family erzählen, parallel zu mehreren Handlungssträngen. Ein Handlungsstrang sind Fälle der Hollywood Devision des LAPD und deren Detectives mit ihren privaten und beruflichen Problemen, die wiederum geschickt mit der zeitgeschichtlichen Politik verwoben sind (Vietnam, Jugendrevolte, King- und Robert Kennedy-Morde, Rassenkrawalle usw.). Erzählt werden die Jahre von 1967 bis 1969 – Höhe- und Endpunkte der Swinging Sixties.

Co-Produzent David Duchovny stampft als Cop durch die unterschiedlichen Milieus in Los Angeles, wie fast jeder über dreißig jährige damals: als Reaktionär, der diese Umbrüche nicht versteht. Das macht einen großen Reiz aus und Duchovny rehabilitiert sich für seine unerträgliche Eitelkeit in CALIFORNICATION. Ganz ohne Potenzprotzerei kommt er allerdings auch hier nicht aus.

Die beiden Staffeln in 26 Episoden wurden vom 28. Mai 2015 bis zum 10. September 2016 auf NBC ausgestrahlt.

Meistens kommt die Serie wie ein schwaches James Ellroy-Konzept rüber, manchmal aber hat sie Momente, die Ellroy zur Ehre gereichen würden. Das sind dann diese Augenblicke, in dem der Zeitgeist authentisch eingefangen und die Verwirrung der älteren Generation deutlich wird („Ich hasse die Sechziger. Ich hasse dieses ganze verdammte 20.Jahrhundert.“). David Duchovny wirkt als zynischer Bulle mit Alkohol- und Familienproblemen überraschend glaubwürdig. Sein Sam Hodiak könnte aus einem Wambaugh-Roman entstiegen sein. Und er zügelt clever die üblichen „Cop-mit-Problemen“-Klischees, um die Figur frisch zu machen (im Gegensatz etwa zu der insgesamt weitaus besseren Michael Connelly-Serie BOSCH).

Der Soundtrack ist natürlich fantastisch. Da bekommt man neben dem erwartbarem auch reichlich Nuggets zu hören, die man vergessen glaubte. Überhaupt gelingt es der Serie ganz gut, mit bescheidenen Mitteln Look und Gefühl der letzten Jahre dieser Epoche zu vermitteln.

Konzipiert hat die Serie John McNamara. Ein altgedienter Drehbuchautor, der aus dem Stall des legendären Producer-Creator Stephen J.Cannell kommt, wo schon lange vor den SOPRANOS (und was da noch so als Startpunkt belallt wird) Quality-Serien produziert wurden (z.Bsp.WISEGUY).
Er selbst war Miterfinder der Ausnahme-Serie PROFIT (1996), die ihrer Zeit ebenso voraus wie erfolglos war. Außerdem schrieb und co-produzierte er den Film TRUMBO, für den Hauptdarsteller Bryan Cranston (BREAKING BAD) für den Oscar nominiert wurde.

Einer der Schwachpunkte ist Gethin Anthony als Manson, dem man keinen Moment das dämonische Charisma glaubt, mit dem Manson seine Kommune beherrschte. Er kommt wie ein Trottel rüber, der nie wirkliche Kontrolle ausübt. Und damit das nicht ganz abstürzt, werden seine Hippie-Girls als noch dämlicher gezeichnet. Das Drehbuch erledigt in diesen unfreiwillig komischen Szenen den Rest.

Das Phänomen Manson Family ist sicherlich nie befriedigend erklärt worden, da es so viele irrationale Hintergründe gibt, aber in der Serie wird er eher persifliert.

Das tut der Serie nicht gut und relativiert die guten Szenen (etwa das schwarze Hausmädchen, dass die rassistischen Beschimpfungen ihrer Arbeitgeberin nicht mehr erträgt; oder der weibliche Undercover-Cop, der einen Bombenanschlag der Weathermen verhindert, um dann von den Vorgesetzten beschimpft zu werden, dass sie es nicht zugelassen hat, denn genau das wollte man aus politischem Kalkül).

Der Höhepunkt der Dämlichkeit kommt in Folge 8 der 2.Staffel:

Manson dringt in die Wohnung von Hodiak ein, beide besaufen sich, Manson erzählt über seine misslungenen Ehen und dann spielen beide Gitarre und singen RUNAROUND SUE. Da müssen Produzenten und Crew wohl ziemlich psychedelisch unterwegs gewesen sein.

Die Gewichtung stimmt leider nicht. Neben schönen Wambaugh- und Ellroy-Geschichten und dem Polit-Strang der Nixon-Unterstützer, bricht die Serie jedesmal zusammen, wenn es zu Manson geht, dümmliche Hippie-Klischees bedient und Chalies Manipulationsfähigkeiten vorgeführt werden.

In der positiven NYT-Rezension schrieb Alessandra Stanley treffend:
“But “Aquarius” looks at the psychedelic Summer of Love through the smoky filter of a 1940s film noir. The cinematography is especially counterintuitive — interiors are moodily dark, and colors are so drained that at times “Aquarius” looks like a black-and-white movie… And that’s the prism through which Mr. Duchovny’s character, Sam Hodiak, sees the flower power revolution.”

Bedingt. Für jeden „Sechziger-Fan“ ist sie irgendwie ein Muss. Man amüsiert sich auf unterschiedlichen Niveaus und ärgert sich auch auf unterschiedlichen Niveaus.

Unterhaltsamer als der deutsche Mist ist sie allemal. Als period piece verbreitet sie mehr Zeitkolorit als beispielsweise BABYLON BERLIN (protzt zu sehr mit der Ausstattung, als wolle man zeigen: Seht her, was wir alles hinkriegen; stattdessen hätte man diese Qualitäten organischer und weniger eitel integrieren müssen), da sie mehr vom Zeitgeist einfängt.

Sie verklärt die Epoche nicht, zeigt die Hirnrissigkeit der Hippies, die beginnende Drogenproblematik im großen Stil, die Korruption von Politik und Verwaltung, usw. Auch Ikonen wie Robert Kennedy (bei dessen Ermordung Hodiak zugegen ist) und die Nixon-Gang kriegen ihr Fett weg.

Die Serie macht klar, was die Sechziger waren: Eine dringend erforderliche Reformierung des Systems um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Aber es war auch der kulturelle Höhepunkt des 20.Jahrhunderts, denn nie zuvor und danach wurde so viel Kreativität freigesetzt. Nie zuvor gab es unter der Jugend weltweit ein schärferes Bewusstsein für die Verbrechen eines Systems, die ihm immanent sind.

Ja, ich empfehle sie doch (aber nicht mit Vollkasko-Garantie) – bei allen Schwächen hat sie mir eine Menge Spaß gemacht.

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